Dieses Blog durchsuchen

Von Schöneberg nach Rüdesheim

28.08.2011

Zu Beginn besuchten wir den Tag der offenen Kultur im Rathaus Schöneberg. Catrin Pfeifer, eine tolle Akkordeonspielerin, hatte mich angelockt. Ich hörte sie schon in diversen Formationen, diesmal trat sie mit dem genialen Cellospieler Sonny Thet auf.

Zuerst schauten wir uns im Rathaus um. Bis zum Anschluss der DDR der Sitz des Westberliner Parlaments. Mit dem Vorplatz verbinde ich manche Erinnerungen. Hier versammelte sich der antikommunistische Mob, um dem Morden der USA in Vietnam zu zujubeln.

Doch es war auch ein Ort des Widerstandes. Hier wurde gegen den Schah von Persien (Iran) protestiert und die Polizei sah zu, wie iranische Geheimagenten, die so genannten Jubelperser, die Demonstranten mit Holzknüppeln verprügelte. Am Abend des 2.Juni 1967 erschoss dann ein Polizist den unbewaffneten Benno Ohnesorg. Der bewaffnete Kampf in der BRD begann.

Jährlich zum 1. Mai rief damals auch der DGB zur Kundgebung auf den Platz. Ich lehne die Sozialpartnerschaft der Gewerkschaft ab. Und so war ich 1969 dort, um den Berliner DGB Vorsitzenden Sickert mit dem Ruf: "Der Sickert, der sickert und sickert" zu verhöhnen. Das taten mit mir so viele, dass der DGB ab 1970 den ersten Mai lieber im Saal feierte.

Diesmal wollten wir das Rathaus besichtigen. Besonders interessant war der Turm mit der von den USA gekauften Freiheitsglocke, dem Symbol des kalten Krieges. Auf ihr prangt der Spruch: „Ich glaube an die Unantastbarkeift und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen."

Angesichts der Politik der USA ein Hohn. Die Fotos des Massakers von My Lai im Vietnamkrieg und die Folter von islamischen Verdächtigen sprechen eine klare Sprache.


Diese Bilder schossen mir durch den Kopf, als ich die Freiheitsglocke sah. Eigentlich sollte man / frau die Glocke einschmelzen. BuntmetalldiebInnen an die Arbeit!

In einem Saal lauschten wir dann erst einmal den Akazien-Grazien. Ich freute mich sehr unter ihnen eine Bekannte begrüßen zu können. Sehr angenehm war, dass ihr Programm nicht zu ernst war, viele Schlager aus den 20ern und 50ern wurden mit Ironie vorgetragen.

Im Turm spielte dann auch das Duo Pfeifer / Thet auf.
Sie sind Ausnahmekünstler an ihren Instrumenten und das Zusammenspiel harmonierte fantastisch.
Wir waren so begeistert, dass wir uns zwei Auftritte in Folge anhörten.
Konzerte unbedingt besuchen!

Wir nutzten die anschließende Turmbesteigung, um Berlin von oben zu betrachten und zu knipsen.





Schon auf dem Weg hinaus fesselte uns die Performance von "Frau Müller". Ihr lyrisches Puppentheater nutzte als Bühne einen kleinen Tisch auf dem sie mit ihren Fingern eine kleine Frau bewegte. Das war so herzzerreißend, dass wir unseren Aufbruch verschoben.

Den aufkommenden Hunger bekämpften wir im Restaurant Mario. Das Essen ist hier recht authentisch italienisch, aber auch nicht billig. Gute Zutaten haben halt ihren Preis. Lecker abgefüttert machten wir uns zum Sommerfest am Rüdesheimer Platz auf.

Das Fest lag in den letzten Zügen, wir liefen nur mal darüber. Nett war, dass viele Läden aus der Umgebung Produkte an Ständen anboten.


Was von uns bleibt

21.08.2011

Auf dem Alten St. Matthäus Friedhof nah beim S-Bahnhof Yorckstrasse liegen neben Rio Reiser und den Gebrüdern Grimm so manche andere "bedeutende" Person begraben.

Seit einigen Jahren wird er vom dem Verein EFEU betreut. Er wirbt für den Erhalt der bröckelnden Mausoleen und bringen Kultur auf´s Gräberfeld.
An Nachmittag war ich mit Augenstern zur Besichtigung der Ausstellung Parcour des Erinnerns auf dem Friedhof aufgebrochen.

Marion Fabian, Spurensicherung
Entlang einer Urnenwand begann der Rundgang. Hier hatte eine Künstlerin Marmorplatten entfernt und hinter Glas Erinnerungsmedien platziert. Ich war besonders von einer Box, die eine Festplatte enthielt, begeistert.
Es gibt ja schon Diskussionen, was mit unseren Facebook Einträgen, den Blogs und den Fotos, die wir ins Netz stellen, nach dem Tod passiert. Früher gingen Verstorbene nur über persönliche Erinnerung und / oder über ihre Werke ins kollektive Bewusstsein ein.

Nathalie Giraud-Diekert
Ruhezeit abgelaufen.
Seit einigen Jahren werden die Super 8 mm Privatfilme als Geschichtsarchive erforscht. Für das Durchforsten der Festplatten brauchen wir sehr viele neue Kulturhistoriker und Völkerkundler.
Um die Erinnerungen, die durch Gerüche hervorgerufen werden, kreiste das zweite Werk. In einer der Boxen erroch ich kalten Rauch.

Gisela Weimann, Mein Schatten bleibt
In einer Erzählung von Albert von Chamisso verkauft die Hauptperson seinen Schatten dem Teufel. Die Künstlerin des dritten Werkes drehte diesen Gedanken um. Bei ihr geht der Mensch, nur der Schatten bleibt. Das dies technisch möglich ist, haben Atombomben Explosionen bewiesen.

Detel Aurand
Ein Mensch stirbt, Erinnerung lebt
Sehr eindrucksvoll und hübsch anzusehen waren die mit dem japanischen Schriftzeichen für Leben bemalten, bunten Regenschirme.
Das Werk war nett anzusehen, doch mir erschloss es sich nicht. Was hatte es mit dem Thema Erinnerung zu tun?
Es wirkte etwas deplatziert.

Masko Iso, Schwebende Seelen
Etwas an Mumien erinnerten mich die mit Mullbinde umwickelte Äste, die an Bäumen hingen.
Die Künstlerin sagte dazu: "Eingehüllt in Weiß werden die Seelen sichtbar gemacht und schauen auf und herab" Dies erschloss sich mir nicht.


Sandra Riche, Notgedächtniss
Notschlüsselkästen, die überall zu finden sind, stellte eine Künstlerin auf den Friedhof. Diese enthielten aus Scrabblesteinen zusammengesetzte Worte. Wörter sind Bausteine des historischen Gedächtnisses. Viele, die sich dem Tod nähern, verlieren diese durch Demenz, daran soll das Werk erinnern.

Einiges meiner Meinung nach zu sehr misslungene Werke möchte ich euch durch Weglassen ersparen.

Liz Crossley, Gras wird über
unsere Städte wachsen
Für mich stellte die Skulptur der aus Südafrika stammende Künstlerin die Hauptattraktion der Ausstellung dar.
Ihrem Werk liegt die Annahme zugrunde, dass zukünftige Bewohner der Erde anfangen unseren Schutt abzutragen. Die neue Erdoberfläche wird durch die bewachsene Fläche über dem Holzgerüst symbolisiert. Auf der "alten" Erdoberfläche hat sie das Wort  GRASS GROWS (Gras wird über unsere Städte wachsen) in den Rasen geschnitten. Der Spruch ist ein Zitat aus der Bibel.

Den Schnitt muss sie aber ständig nacharbeiten. Bei dieser Tätigkeit trafen wir sie an. Sie sagte, dass sie bei dieser Arbeit oft über den von Menschen gemachten Zustand des Planeten nachdenkt. Eine kluge Frau zeigt hier was Kunst zu leisten vermag.

Zum Schluss boten uns die VeranstalterInnen des Rundgangs noch ein besonderes Ereignis. Aus einem leeren Mausouleum erklang Violinenmusik.
Zuerst dachte ich, dass es sich um eine weitere Installation handelte. Doch dort spielte Claudia Teschner im Halbdunkeln Violine.
Ein wunderschönes Hörerlebnis bot sich uns.
Nach dem Kunst Parcours besichtigten wir noch "besondere" Grabstellen.

Einige sind vom Verein Denk mal positivHIV betreut, der Aidskranken eine letzte Ruhestelle vermittelt. Um die Familiengräber des Friedhofs zu erhalten, können Interessierte die Pflege einer Denkmal geschützten Grabstelle übernehmen und sich dort auch beerdigen lassen.

Dies tat der Verein und so erwarb er das Recht tote Aidsopfer begraben zu können. Die Krankheit HIV bedeutet ja auch für viele Verarmung und das oft mit der Konsequenz eines anonymen Grabes.

Nach so viel Tod und Kunst genossen wir noch Kaffee und Kuchen im am Friedhofseingang gelegenen Café. Ein bezaubernder Ort, besonders wenn das Wetter mitspielt.


Pfifferlinge aus Strausberg

20.08.2011

Wir begannen die Pilzjagdzeit.

Unterwegs stoppten wir spontan beim Wesendahler Hofladen, um uns mit leckerem frischem Obst und Gemüse aus der Region einzudecken.
Gemütlich ist der Laden jedoch nicht und die zwei Stühle auf dem Parkplatz laden nicht zum Verweilen ein.

Im Wald bei Strausberg suchten wir zuerst um jede Birke herum nach Birkenpilzen. Sie sind ja die ersten in der Saison. Leider fanden wir in drei Stunden nur ein paar von Maden zerfressene Exemplare.

Kurz vorm Aufgeben schwenke ich auf Pfifferlinge um, die ja den ganzen Sommer zu finden sind, wenn man / frau weiss wo. Ich sah von Weitem eine Stelle, an der welche stehen könnten. Das nur mit wenig Gras bewachsene, sonnenbeschienene Fleckchen, war ein Volltreffer. Ein halbes Kilo Pilze in einer halben Stunde war der Lohn.
Leider liebt Sand die Pfifferling und das bedeutet Arbeit.

Anschließend besuchten wir im an Wegesrand liegende Gielsdorf das Dorffest. Das Fest bot ein paar Stände, Sitzplätze an Biertischen und ein, wie fast immer auf solchen Festen, grottenschlechtes Musikprogramm zum Schunkeln.
Aber die Wildbratwürste waren gut.

Später daheim aßen wir dann ein Mahl aus Pfifferlinge mit Zwiebeln, Schinken und Sahne an frischen Nudeln. Gehackte Petersilie war das Sahnehäubchen.

Planschen mit Musik

14.08.2011

In diesem Jahr hatte ich auch wegen der Regenzeit es noch nie geschafft die Konzertreihe in dem Englischen Garten zu besuchen. Auch beim letzten Konzert in diesem Jahr regnete es. Draussen waren meist nur Räuchermännchen und - frauchen anzutreffen.

Doch ich bin ja nicht aus Zucker, und so quetschte ich mich mit anderen LeidesgenossInnen unter einen Sonnenschirm. Gemeinerweise war er nicht ganz dicht und außerdem lief das Wasser vom Rand auf den Rücken.
Wir freuten uns auf den Auftritt der Band.

Die Pescadores de Ventana spielten zum Glück im Saal. Da sie mittlerweile eine große Fangemeinde gewonnen haben, war es drinnen gut gefüllt. Sie spielen exzellente Tanzmusik a la Latino. Es war jedoch so voll, dass Drehungen ohne Blessuren nicht einfach waren.


Beginners

10.08.2011

- GASTBEITRAG -

Es gibt wohl unzählige Filme zum Thema Coming-out von jungen, knackigen Kerlen. Aber im hohen Alter von 75 Jahren! Aller Achtung! Beginners geht das Thema komödiantisch aber auch ernsthaft an.

Um so etwas auf der Leinwand zu erleben, radelten wir zum Cosimaplatz, wo das Kino Cosima seit nunmehr siebzig Jahren steht. Es ist schon erstaunlich, dass dieses Bezirkskino überhaupt noch am Leben ist.
Eine supergute Möglichkeit sich über lebende und von uns gegangene Berliner Kinos zu informieren ist die von zwei Enthusiasten betriebene Internetseite Kinokompendium.

Zum Film: Der US-Amerikaner Mike Mills schrieb das Buch und führte auch Regie. Er sagte, dass sein Werk autobiographische Elemente beinhaltet.

Es beschreibt parallel zwei  Liebes- und Lebensgeschichten, die vom Vater und die vom Sohn. Der Vater bekennt sich zur Homosexualität und findet einen Partner.

Er kostet das fröhliche Leben in der Gay-Community aus.
Leider währt sein Glück nicht lange, es kommt eine altersbedingte Krankheit dazwischen. Auch der Sohnemann kommt mit der Liebe nicht so richtig zur Potte. Auf einer typisch amerikanischen Kostümparty begegnet er der französichen Anna.
Amüsant ist der Hund, dessen Kommentare durch Untertitel zum Ausdruck gebracht werden. Und witzigerweise scheint der nur schwule Ersatzherrchen zu akzeptieren.
Die Figuren im Film sind erstaunlich normal. Die Geschehnisse wirken nachvollziehbar und realistisch, was häufig in US-amerikanischen Filmen nicht der Fall ist. Die (mir unbekannten) Schauspieler bzw. deren Rollen wirken authentisch. Eine nette Geschichte, sehenswert, auch wenn die Gesamtstimmung irgendwie mit Traurigkeit untermalt  ist.



Die Kritiken der Anderen: Zeit, Süddeutsche, Spiegel, Die Presse,

Um den Sprung zurück in die Realität zu finden, müssen Kinogänger vor dem Schlafengehen noch kurz einkehren. Das Bohemia Restaurant gegenüber bot sich freundlich an. Die böhmische Gaststätte machte einen passablen Eindruck. Die Speisekarte sah ziemlich deftig-tschechisch aus, aber zur späten Stunde nimmt Mann und Frau sowieso nur ein Gläschen Rotwein. Das Ergebnis der Weinprobe: spanische Gran Reserva mundet mir doch besser.

Kannibalen und Salsa aus Harlem

06.08.2011

Mit J. aus Bremen fand ich endlich jefrau, die pervers genug war, um mit mir die Alles Kannibalen Ausstellung im me Collectors Room in der Auguststrasse in Mitte zu besuchen.
Alle anderen Frauen lehnten entweder ab oder sie erschienen mir so zartbesaitet, dass ich mich gar nicht traute zu fragen.
Vorher schlürfte ich noch einen Milchkaffee im Vorgarten von Clärchens Ballhaus schräg gegenüber.

Jerome Zonder, Kinderspiele 1, 2010
Das me ist ein Eckhaus, gebaut, um die Privatsammlung von Thomas Olbricht unterzubringen.
Im Eingangsbereich befindet sich ein Restaurant.
Das etwas makabere Bild rechts stimmte uns dort auf den Horror ein, der da kommen würde ein.

Adriana Varejao, Azuleria branca
em carne viva, 2002
Kannibalismus bereitet Nervenkitzel, was wir spätestens seit dem von der Springerpresse und anderen Sensationblättern ausgeweidetem Prozess gegen einen Mann, der Teile einer Internetbekanntschaft auffraß, wissen.
Die aus einer aufgerissenen Fliesen-Wand quillenden Innereien waren ein Hingucker. Die Künstlerin aus Brasilien schafft es die richtigen Seiten in uns zum Klingen zu bringen. Filme mit Blut und Horror finden immer ihr Publikum.

Vik Muniz, Saturn ißt einen
seiner Söhne, 2005
In einem Raum bezogen sich mehrere Arbeiten von verschiedenen Künstlern auf den Zeichen Zyklus Schrecken des Krieges von Franciso de Goya, links ist der Saturn, der seine Kinder frisst, dabei unter dem Müll unserer Zivilisation begraben zu werden.
Ein Künstler aus Mexiko gewann dem Bandenkrieg mit im Jahr 2010 gezählten 2700 Toten etwas humoristisches ab.
Er präsentierte die abgezogene Haut eines tätowierten Gangmitglieds der Mara Salvatrucha (M 13) als Bettvorleger.

Melissa Ichiuji, Kissie Kissie, 2008
Am Eindrucksvollsten ekelig fand ich einen Frauenkörper aus bedrucktem Stoff, der mit Schmetterlingpuppen ausgestopft war. Ich hatte sofort Bilder aus dem Film das Schweigen der Lämmer vor den Augen. Der Serientäter pflegte seinen Opfern die Haut abzuziehen und sie mit Larven zu füllen. Der Erfolg der Romanfigur Hannibal Lektor in Büchern und Filmen zeigt, wie anfällig Menschen für's Gruseln sind.

Die Ausstellung bot viele spannende Einzelstücke, doch der Zusammenhang und die Einzelbedeutungen erschlossen sich erst durch die Führung, die wir buchten.
**********************

Am Abend besuchte ich mit Augenstern das Kesselhaus in der Kulturbrauerei. Eigentlich ein ungemütlicher Ort, denn es gibt keine Sitzplatze zum Verweilen. Doch unser Ansinnen war dem Spanish Harlem Orchestra nicht nur zu lauschen sondern uns überwiegend im Tanzschritt kurz-kurz-lang zu drehen. Passenderweise hatte ich eine bezaubernde Tanzpartnerin an meiner Seite. Die Band überzeugte komplett mit Salsa in Perfektion unter dem Motto "Viva la tradicion".

Vorher - Hinterher

04.08.2011

Vor dem Kunstbesuch traf ich Augenstern im Restaurant Riogrande. Keine Angst, das ist keiner der tausend miesen Texmex Läden, die Fertiggerichte in der Mikrowelle aufwärmen, sondern bietet alpenländliche / mediterrane Küche. Es liegt am May-Ayim-Ufer nah bei der Oberbaum Brücke. Die Terrasse bietet Spreeblick, die Tische stehen kaum über der Wasserlinie. Zum Glück gibt es wenig Hochwasser in Berlin.

Das Essen ist sehr lecker jedoch eher mittelpreisig. Doch die tolle Aussicht entschädigt den Geldverlust.
Wir strebten bald über die Brücke nach Ostberlin in die Fotogalerie Friedrichshain.
Augensterns Fotokurs Dozentin lud zur Vernissage.

Der Titel der Ausstellung lautete: "Nicht von Dauer war die Mauer". Sie hat Orte in der Stadt vor und nach dem Mauerfall vom selben Standpunkt aus fotografiert.
Damit zeigt sie nicht nur wie wenig vom 168 km langen "Antifaschistischem Schutzwall" übrig geblieben ist. Scheinbar ist alles wieder wie vor dem Mauerbau.
So ist Berlin jedoch nicht zusammen gewachsen, es hat nur seine Geschichte und deren Orte ausradiert und vergessen.


Ruth E. Westerwelle belichtet diesen Teil der Stadtgeschichte kontrastreich in schwarz / weiß.

Schweiz in Tempelhof

31.07.2011

Augenstern und ich waren schon immer neugierig wie die Malzfabrik aussieht, eine alte Fabrik, die heute ein privat betriebenes Kulturzentrum beheimatet. Es liegt nah beim Bhf. Südkreuz. Gut erkennbar an den auffälligen Schornsteinen.

Das Fest zum schweizer Nationalfeiertag bot uns die Gelegenheit zur Besichtigung.

Leider passierte beim Fest selbst wenig Spannendes. Am interessantesten fand ich einen Stand mit Raclett.

Der Mann hinter dem Tresen arbeitete recht unorganisiert, alleine und langsam. So stand ich fast 30 Minuten in der Schlange. Zumindest das Brot mit geschmelztem Käse und Schinken war sehr lecker. Den Imbisswagen von RaclettJan kann man / frau auch buchen.

Die Ausstellung Urs Jaeggi - Kunst ist überall war auf einigen bisher unsanierten Etagen untergebracht. Dort fanden sich auch viele Reste alter Maschinen, die gut mit den Werken des Künstlers korrespondierten.

Er ist ein Multitalent, Soziologe, Schriftsteller und bildender Künstler. Eine zweite Ausstellung von verschiedenen Künstlern aus der Alpenrepublik besuchten wir wegen des geforderten Eintrittsgeldes nicht. Ich fand das für die reiche Schweiz zu knickerig.
Was sich sicher lohnt, ist eine Führung durch die Malzfabrik. Diese könnt ihr auf deren WEB-Site buchen.
Der Kostenbeitrag beträgt 7 Euro.

Wüstenrock

29.07.2001








Der dritte Besuch beim Wassermusik Festival galt Tinariwen. Sie sind Tuareg und die Musik ihrer Volksgruppe spielen sie überwiegend mit den Instrumenten einer Rockband. Heraus kommt Wüstenblues.

Der Groove erinnert stark an den gleichmäßigen Gang eines Kamels. Aber trotzdem und weil der Grundrhythmus einfach ist, schwingt man / frau ganz schnell mit.

Die Gitarren und der Gesang sorgen aber dafür, dass niemand einschläft. Von den drei Konzerten des Festivals, die ich sah, eindeutig das Beste. Schaut euch das Video an und versäumt ihre Konzerte nicht!

Dunkel ist´s in Afrika

26.07.2011

- GASTBEITRAG -

Das Kant-Kino in der Hausnummer 54 der gleichnamigen Straße hat bald hundert Jahre auf dem Buckel. Hier wurde schon 1912 ein Lichtspielhaus für 800 Zuschauer gebaut. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde das Kino mehrmals umgebaut.
In den 70er und 80er Jahren wurde im großen Saal Platz für innovative Strömungen der Rockmusik angeboten. Das war ursprünglich als Werbung für das Kino angedacht.

Damals standen noch wenig bekannte Größen auf der Bühne, wie Iggy Pop, The Police, Duran Duran, Ideal. Der Veranstalter Albatros sorgte für Nachschub.

Irgendwann fing in Berlin, wie auch anderswo, das große Kinosterben an. Wim Wenders und die Betreiber der Hackeschen Höfen konnten 2001 die drohende Schließung verhindern.

Seit Ende Juni 2011 gehört das Kant-Kino nun zur Yorck-Gruppe. An einem verregneten und saukalten Juli-Abend gingen wir dort hin.
Wir fanden im verschachtelten und verwinkelten Haus den kleinen Kinosaal.

Gute Kritiken und der Berlinale-Preis 2011 für die beste Regie für Ulrich Köhlers Film Schlafkrankheit - Maladie du sommeil hatten uns nach fernen Charlottenburg gelockt. Die Geschichte klang interessant: ein deutscher Arzt leitet in Kamerun ein Forschungsprojekt zur Schlafkrankheit. Seine Frau kehrt zurück nach Europa. Er kann ihr nicht folgen, da er inzwischen fest in Afrika verwurzelt ist. Oder will seine Privilegien als Weißer nicht aufgeben.

Der afro-französischer Arzt aus Paris reist an, um das dubiose Forschungsprojekt des weißen Kollegen zu evaluieren. Er kommt in den schwierigen Verhältnissen in afrikanischem Hinterland nicht zurecht.

Außerdem scheint das Projekt eine korrupte Luftnummer der europäischen Entwicklungshilfe zu sein. Die Konstellation ist interessant, nur die Realisierung durch Ulrich Köhler ist recht holperig.

Die Figuren und deren Beweggründe blieben mir unklar. Der deutsche Medizinmann schlürft phlegmatisch durch die Gegend, kämmt sich nicht, rasiert sich nicht, er vergammelt offensichtlich.

Seine Verbundenheit mit Afrika wird nicht deutlich. Unklar bleibt auch die Beziehung zu seiner Frau, die nach Europa verschwindet. Nach einem überraschenden Zeitsprung hat er eine afrikanische Frau.

Der schwarze Doc ist ein Trottel vom Feinsten: naiv, hilflos und schwul. Man sieht einfache Krankenstationen, staubige Sandpisten, lichtlose Schlafstätten, Stirnlampen, Autoscheinwerfer, Schatten.

Es ist ständig zappenduster. Im dunklen Dschungel kann man schon von einer Tsetsefliege gestochen werden oder sonstwie durchdrehen. Endlich nach 91 Minuten tapst ein Flusspferd durch das Bild und der Abspann folgt. Gähn! Es muss nicht immer Weiße-Massai-Kitsch sein, aber etwas von Weiten Afrikas hätte ich schon gerne gesehen. Außerdem finde ich es immer wieder befremdend, wenn im tiefsten Afrika, mitten in der Nacht, die schwarzen Polizisten den Auto fahrenden Europäer in akzentfreiem Deutsch ansprechen. Durch den Versailler Vertrag war die Ära der deutschen Schutztruppen in Kamerun schon 1919 zu Ende.

Kritiken der Anderen: ZeitSpiegel, Süddeutsche Zeitung,