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Schleiertanz rückwärts

03.02.2013

Der Stadtzeitung TIP sei Dank konnten meine Süße und ich kostenlos das Tanzstück "Der Bau" in den Uferstudios anschauen.

© Laurent Goldring
So begann es:
Isabelle Schad stand allein und nackt auf dem Podium und verrenkte sich rhythmisch und heftig. Dabei waren ihre vom Tanztraining ausgebildeten Muskeln heftig in Bewegung und gut zu sehen.
Ich empfand diesen ersten Teil des Solostücks sehr anschaulich.

© Laurent Goldring
Nach einer Weile griff sie sich einen der auf dem Boden liegenden Schleier und erzeugte mit ihm Wellen. Sie wickelte sich dann darin ein und nach einer Weile nutzte sie ein andersfarbiges Tuch. Teilweise wurden die Wellenmuster durch Geräusche wie Meeresrauschen unterstützt.
Zum Schluss war sie in fünf Schleier eingewickelt und rollte wie eine Raupe über den Boden.

© Irmeli Rother
Übrig blieb ein Haufen Stofftücher.
Ich war von der kraftvollen und ausdrucksstarken Performance begeistert. Gemeinsam mit dem Restpublikum klatschte ich mir die Hände rot.
Wieder war ich jedoch zufrieden nicht vorher den Begleittext gelesen zu haben. Das Stück bezog sich auf ein Romanfragment von Kafka und stand unter dem Motto "Auch der Raum ist ein Organ". Was das Gesehene damit zu tun hatte, erschloss sich mir überhaupt nicht.

Im Nahen Osten

30.01.2013

Weil die Liebste noch ferner im Osten arbeitet, trafen wir uns in der Mitte am S-Bahnhof Ostkreuz. Nördlich davon befindet sich der aktuell noch beliebteste Touristen Trampelpfad der Hauptstadt. Die meisten Restaurants und Lokale dort gehen davon aus, dass der Gast nie wieder kommt. Entsprechend ist auch die Qualität der Speisen und der Bedienung.

Doch wir waren hungrig und nach langwieriger Recherche im Netz stieß ich auf den Fischschuppen, einen gehobenen Imbiss für LiebhaberInnen des Meeresgetiers. Die meisten der Kommentare zum Laden waren positiv, doch einige warnten heftig. Die Fotos der Einrichtung wirkten jedoch sympathisch.

Warum sollten sich unsere Vorurteile gegen die Touristenmeile sich immer bestätigen?
Doch sie taten es. Bei meinen Spaghetti mit Jacobsmuschel schmeckte die Sauce so ekelig, dass ich nur einen Bissen kostete. Der Zander der Liebsten war hart durchgebraten und die "frischen" Bratkartoffeln waren wohl ein Fertigprodukt.
Den Fischschuppen bitte meiden!

Doch Futtern war nicht unser Hauptziel, wir wollten uns mal wieder eine Dosis Kultur reinziehen. Im Stadtmagazin war mir ein neues Kino mit dem verwegenen Namen Zukunft aufgefallen, das direkt am Ostkreuz angesiedelt ist. Dort spielten sie unseren Wunschfilm.

So überquerten wir nach dem grässlichen Essen die S-Bahngleise und fanden uns in einem Industriegebiet wieder.
Dort ist die Zukunft, das Kino, die Kneipe und die Galerie, in Baracken untergebracht. In unseligen Zeiten war dort ein Filmlager der DDR.

Die Tapeten und ein Teil des Mobiliars sind noch aus dieser Ära. Verstärkt durch einen leicht muffigen Geruch schwebt der diskrete Charme der Vergangenheit durch die Räume. Manchmal war auch noch ein Hauch des berühmten DDR Desinfektionsmittels zu erahnen.

Zur Kinokarte wurde uns dann ein Kulturbeitrag von 30 Cent für den Besuch der Galerie abgeknöpft.
Jen Repin war dort mit Gemaltem vertreten. 
Seine Formate waren recht unterschiedlich und auch die Stile wechselten mal zum Comic, mal in Richtung klassischen Realismus.
Ich habe das Gefühl, der Künstler hat seine persönliche Malweise noch nicht gefunden.

Dann suchten wir den Kinosaal auf. Er ist in Verhältnis zum Rest der Einrichtung hochmodern und mit sehr komfortablen Sitzen ausgestattet. Auch die Beinfreiheit ist exzellent. Von den ca. 50 Plätzen waren nur zwei, und zwar von uns, belegt.

Dort sahen wir den Film "Cäsar muss Sterben", der Altmeister des italienischen Kinos, den Gebrüdern Taviani.
So kurz vor der Berlinale 2013 wollten wir wenigsten den letztjährigen Gewinner des goldenen Bären gesehen haben.
Die Geschichte um den Tyrannenmord an Julius Cäsar, für die Bühne von Shakespeare umgesetzt, dürften viele kennen. Darin wird Cäsar, nachdem er zum Alleinherrscher ernannt wurde, von einer Gruppe enttäuschter Anhänger erdolcht.
 
Das Besondere am Film war jedoch, dass eine Gruppe von Gefangenen aus einem italienischen Hochsicherheitsknast dieses Theaterstück erarbeitete und aufführte. Keine leicht zu führenden Laienspieler, die meisten sitzen wegen Mafiavergehen.

Der Film ist aber keine Dokumentation sondern das Casting, die Proben und die Aufführung sind voll durchinszeniert. Doch dadurch dass, bis zum Spiel vor den ZuschauerInnen, der Film schwarz / weiß ist, wirkt er authentisch.

Im Nachhinein bin ich mir unsicher, ob ich gerne eine der auch in Berlin stattfindenden Theater im Knast ansehen will. Den Gefangenen ist anzumerken, dass sie um ihr Leben spielen, doch ist es für sie gut, wenn alles doch wieder in einer Zelle endet?



Die Kritiken der anderen: Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Nachtkritik

Sugarmamas auf Safari

21.01.2013

GASTBEITRAG


Zum Thema Sextouristinnen gab es vor ein Paar Jahren den Film "In den Süden" mit Charlotte Rampling in der Hauptrolle. Jetzt bringt der Österreicher Ulrich Seidl uns in seinem Film "Paradies: Liebe" nach Kenia. Dort suchen die in die Jahre gekommene Europäerinnen den Kick von jungen, knackigen Männern begehrt zu werden. Die fünfzigjährige Teresa macht Urlaub in Kenia, wo ihre Freundinnen sich schon routiniert von Einheimischen anbaggern lassen. Teresa hat als Anfängerin erstmal Hemmungen sich auf das Spiel einzulassen, sie ist unerfahren und teilweise naiv. Sie versucht an der Illusion Liebe festzuhalten, glaubt an echte Begierde.

Es geht  jedoch um knallhartes Geschäft.  Eine weiße Urlauberin ist für einen jungen kenianischen Familienvater eine zu Fleisch gewordene Geldbörse. Die Frauen nutzen deren Not in erniedrigendem, kolonialistischem Stil.

Das Wort Safari bedeutet Jagdreise, hier geht es um eine Sexsafari. Wer wen jagt, möge offen bleiben.

Teresa ist übergewichtig, weit entfernt von westlichen Schönheitsidealen. Den kenianischen Beachboys ist das Alter und die Festigkeit des Körperfleisches  zweitrangig, Hauptsache die Medikamente für das Baby werden bezahlt.

Teresa wird in das raue, bescheidene Welt der Einheimischen mitgenommen, sei es für eine Mitleidstour in den ärmlichen Behausungen oder für schnellen Sex in einem trostlosen Stundenhotel.

Den jungen Männer sind alle Mittel recht, Hauptsache es springt was dabei raus. Es wird gelogen, getrickst, sexuelle Interessen, ja sogar Liebe,  vorgegaukelt. Manche Methoden sind schlicht erniedrigend.

Teresa kann in den Schutz ihres Luxusressorts zurückkehren, wo Touristen Tag und Nacht bewacht werden.
Die Beutetouren werden zusammen mit den Freundinnen ausgewertet. Da wird unablässig über die Sexpartner gesprochen, sich lustig über deren Sprechversuche in Deutsch gemacht. Ist es Gleichberechtigung, wenn vier Frauen sich mit einem bezahlten Boy vergnügen? Ist es moralisch verwerflich, wenn es sich bei dem als Geburtstagsgeschenk bestellten Stripper um einen Mann aus der so genannten Dritten Welt handelt? Gibt es Freiwilligkeit in Sachen gekaufter Sex?


Die Rollen im Film sind teilweise mit Berufschauspielern, teilweise mit Laien besetzt. Terese wird grandios von Margarethe Tiesel gespielt. Vieles im Film wirkt authentisch, beinah dokumentarisch. Es ist kein fröhlicher Film, jedoch allermal sehenswert. "Paradies: Liebe" ist der erster Teil einer Trilogie des Regisseurs. Der dritte Teil „Paradies: Hoffnung“ läuft im Wettbewerb auf der Berlinale.



Kritiken der Anderen: Zeit, Tagesspiegel, Spiegel,