- Für Filmfreunde ein Muss, Nouvelle Vague von Regisseur Richard Linklater. Der Film ist ein Zeitfenster ins Jahr 1960, er zeigt wie es dem etwas exzentrische Filmemacher Godard gelang, den Gangsterfilm Außer Atem zu drehen. Um es wie eine Doku wirken zu lassen, ist alles in schwarz/weiß gedreht. Von Schauspielern verkörpert treten viele bedeutende Personen der Nouvelle Vague (Neue Welle) auf. Der Dreh ist so chaotisch, wie ich mir vorstelle das Jean-Luc Godard war. Nun trotzdem gelang es ihm einen internationalen Erfolg zu erzielen und eine Ikone der Kinokultur zu realisieren
- Eine lange Tafel mit griechischen Tapas, gemeinsam speisen wir am Tisch mit einem Frauenchor, was will frau/man mehr. Die singenden Frauen nennen sich Perperúna Ensemble und die Lieder, die sie vortrugen, entstanden bei einer Exkursion auf dem griechischen Festland in der Region Epirus. Dabei filmten sie das Leben der älteren ländliche Bevölkerung auch beim traditionellen polyphonen Gesang und lernten deren Lieder.
Der Chor ist ein spannendes Projekt und das aktuelle Programm hieß Yiofirja, ein Besuch in Epirus. Der Name der Singgemeinschaft leitet sich von einer auf dem Balkon verbreiteten Regenzeremonie ab.
- DasUtopia Orchester lud in die katholische Akademie ein, es erklang ein Oster Oratorium, komponiert von Paul Brody. Das Orchester ist inklusiv, z.B. war der Mann am Klavier blind. Der Komponist ist auch Trompeter und von den 17 Hippies bekannt. Während des Konzerts wurde Poesie vorgetragen, nicht nur gelesen, auch gesungen. Mir und meiner Begleiterin gefiel das Konzert. Hinter dem Orchester und den Auftritten steckte die Organisation KulturLeben Berlin. Diese kümmert sich darum, dass finanziell Bedürftige kostenlosen Zugang zu Kulturveranstaltungen erhalten. Das Spektrum der Institutionen ist breit aufgestellt, da ist wohl für jeden etwas dabei. KulturLeben bat auf der Veranstaltung um geldwerte Unterstützung, Spenden und Mitgliedschaften sind erwünscht.
- Mal wieder ins Kino. Diesmal sah ich La Grazia (Die Gnade) vom italienischen Filmemacher Paolo Sorrentino. Es geht um Entscheidungsverweigerungen und böse Erinnerungen, die den Staatspräsidenten kurz vor dem Ende seiner Amtszeit plagen. Also wird ein wenig Einblick in Machenschaften der Politikerkaste geboten. Die cineastische Umsetzung des Stoffes, Kamera, Ton und Licht ist exzellent, nur leider interessierte mich die Geschichte Null. Doch es war schön mal wieder italienisch zu hören.
- Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist schon ein imposanter Bau. Zwischen den beiden Kirchen auf dem Platz wirkt es fast auch schon ein wenig heilig. Ich besuchte dort das Festival "Vom Anfang..." mit Konzerten auch abseits der Klassik. Zu hören waren zwei Stücke.
1. Zur Einstimmung hörten wir die 4. Symphonie von Gustav Mahler, geschrieben um 1900. Kenner behaupten, sie stellte eine Abkehrt von der Romantik dar und läutet die Moderne ein. Als Nichtkenner will ich das nicht beurteilen. Doch mir und meiner Begleiterin gefiel die Aufführung sehr gut. Die Seiteninstrumente strichen und zupften, die Pauken paukten und Bläser bliesen wacker, so wie es sein soll.
2. Nach dem historischen Aufbruch in die Moderne betraten 17 Mitglieder des Trickser Orchester die Bühne. Ergänzt wurden sie durch eine Gruppe Violinen des Konzerthaus Orchester. Sonst waren der Instrumente wenige, die in der Klassik üblich sind. Nay (Flöte), Kanun (Zither), Koto (Zither), Santur (Hackbrett) Kawala und Oud (Laute) waren dabei. Also war keine traditionelle Musik zu erwarten. Zusätzlich war das Vokalensemble The Present eingebunden. Also war ein bunter multikultureller Haufen zu sehen. Dazu ist die Dirigentin und Komponistin ein Flüchtling aus dem Iran. Schon als ich die Trickser damals das erste mal sah, verstand ich, wie schwierig es sein muss, einen Klangkörper aus Instrumenten zu formen, die sonst nie zusammen spielen. Doch dies ist den GründerInnen hervorragend gelungen. Cymin Samawatie dirigierte den verrückten Haufen sehr professionell.
- Ein Film bei der Berlinale schauen ist wie eine Wundertüte öffnen, man / frau weis nie vorher was einen erwartet. Ich entschloss mich Members of the Problematic Familie an zu sehen. Was der Titel verspricht hält er, er zeichnet das Portrait einer schwierigen Familie im Südindien, es handelte sich um Angehörige der tamilischen Minderheit. Eine Geschichte konnte ich nicht entdecken, vielmehr eine Aneinanderreihung von Episoden. Es begann mit einem Beerdigungsritual, das tagelang dauerte. Dabei lernten wir das Schwarze Schaf der Familie kennen, das in den folgenden Scenen immer wieder auftauchte. Irgendwo verlief sich die Geschichte dann für mich im Nirgendwo. Aber trotzdem fand ich es interessant, ein wenig in das Leben einer einfachen tamilischen Familie einzutauchen. TouristInnen bekommen so etwas wohl nie zu sehen. Zu Ende waren schon einige BesucherInnen gegangen, meine Begleitung schlief. Naja,- richtig gute Filme bei der Berlinale zu erwischen ist halt ein Glücksfall.
- Basel sehen und sterben ist etwas überzogen. Trotzdem ist die Stadt sehenswert und hat für KulturliebhaberInnen einiges zu bieten.
1. Ein Besuch im Theater Basel ist eigentlich Pflicht. Es zählt zu den bedeutenden Spielstätten in deutsch sprachigem Raum. Ich sah dort Die Ritter des Mutterkorn. Mehr eine klamaukige Komödie, wie der Titel erahnen lässt. Die Regisseure Jörg Pohl und Rocko Schamoni erzählen eine fiktive Geschichte um das Ableben des Baseler Chemikers Albert Hoffmann, der aus dem MutterkornLysergsäurediethylamid (LSD) extrahierte. Die Geschichte: Nach seinem Tod konkurrieren zwei Gruppen um sein Erbe. Eine, eine Art Bruderschaft, von ihm selbst gegründet, wollen LSD den Eliten anbieten. Die andere, ein Anarchist und Hoffmanns Pflegerin, wollen das Bewusstsein der Massen erweitern. Am Besten soll LSD in die Trinkwasserversorgung gegeben werden. Der Kampf der beider Gruppen wird mit viel Slapstick angereichert. Es wurde viel gelacht und geschmunzelt, auch ich verließ das Theater fröhlich. Außerdem erinnerte ich mich gerne an die vielen LSD Trips, die ich als junger Mann gegessen habe.
2. Die BaslerInnen feiern ihre Fastnacht ebenfalls mit drei tollen Tagen. Doch es gibt keine Sauforgien und sexuelle Ausschweifungen, wie sie in Köln und Mainz üblich sind. Als Protestanten werden ihnen Sünden aber auch nicht vergeben, wenn sie beichten gehen. Ein wenig ist der Basler Karneval aber sowieso von dem alemannischen Wintervertreibungs Ritualen inspiriert. Er ist immer ein guter Anlass, um Basel zu besuchen.
3. Basel ist auch ein HotSpot für spannende Kunstausstellungen. In der Umgebung ist zu Beispiel die Fondation Beyeler in Riehen, einem hübschen Dorf an der deutschen Grenze verortet. Dort waren viele Werke von Cezanne, dem sogenannten Meister der Moderne, zu sehen. Die meisten Bilder kannte ich schon aus den Video unten. Wenn ihr nicht nach Riehen fahren wollt, könnt ihr im Film viel über den Maler erfahren.
- Bei #everynamecounts erfasst du Namen und Daten von Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. So beschäftigst du dich aktiv mit der Vergangenheit und setzt ein Zeichen für Respekt vor den Opfern.
Die Dokumente in unserem Archiv, die Schicksale von 17,5 Millionen Menschen belegen, sind bereits eingescannt. Um sie aber in unserem Online-Archiv weltweit auffindbar und sichtbar zu machen, müssen die Informationen in eine Datenbank eingetragen werden – mit deiner Hilfe! Bisher haben über 400.000 freiwillige Unterstützer*innen geholfen. Mehr als 10 Millionen Dokumente haben wir gemeinsam schon bearbeitet. Du brauchst dafür einen Internetzugang und einen PC. Hilfreich ist das Format eines Tablets oder größer, aber auch mobil ist die Eingabe gut möglich. Hilf mit, es ist ganz einfach. Schon 5 Minuten reichen für ein Dokument, das so zu einem neuen Baustein im digitalen Denkmal wird.
- Lübeck hat auch ein Theater, dort besuchte ich WTF (what the fuck - Verdammte Scheiße) mit Freunden. Inszeniert wurde es von Malte C. Lachmann. Das Ensemble versuchte die Debatte, um den Zustand der BRD und ihre Diskussionskultur aufzugreifen und in ein Musical zu gießen. Dass so ein Vorhaben, egal ob gesungen oder gesprochen, etwas textlastig daherkommt, liegt im Kern des Pudels. Also war für uns ZuschauerInnen erhöhte Aufmerksamkeit angesagt. Das war nicht Jeder / Jede man / frau Sache, meine Nachbarin verschlief einiges. Ich hingegen war neugierig, wie diese Problematik auf die Bühne gebracht wurde. Locker flockig würde ich sagen, es gab sogar Quiz Einlagen, bei einer gewann ich eine Tafel Schokolade. Politisch ging es darum, wie es gelingen kann, mit AfD Anhängern ins Gespräch zu kommen. Ich persönlich halte diesen Ansatz für fragwürdig, wenn dieser Faschist ist, ist er menschenverachtend und seine Positionen (Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Euthanasie für Behinderte) sind nicht diskussionswert. Natürlich gibt es Menschen, die solche Parolen nur nach schwatzen, die lassen sich vielleicht noch umdrehen, da würde ich auch ein Gespräch probieren. Wie dumm jedoch falsch verstandener Pluralismus daher kommen kann, zeigte das Stück in der Szene, als ein Schauspieler offen rassistische Kommentare, aus einer aus Pappe gebastelten "Zeitung" vorlas, auf der die Logos von verschiedenen Zeitungen aufgeklebt waren, Darunter war auch die TAZ, in der öfter ziemlich Dünnschiss geschrieben steht, die aber sicher nicht von muslimische Messermännern redet. Eine solche Propaganda Aussage ist den Springerblättern, der Jungen Freiheit und der AfD vorbehalten. Insgesamt war das Stück jedoch ok. Politisch ein wenig flach, doch unterhaltend. Sympathisch fand ich auch, das nach dem Applaus ZuschauerInnen auf ein Bier auf die Bühne gebeten wurden. Ich durfte mit einem Darsteller diskutieren.
- Ein wichtiges Ereignis ist der rassistische Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Lübeck am 18. Januar 1996. Dabei kamen 10 Menschen ums Leben, aber unter ihnen keine Deutschen. Dies ist vielleicht ein erster Schlüssel zum Verständnis dafür, was nach dem Brand passierte. Es wurde kein Täter gefasst und verurteilt. Polizei und Justiz hatten einen Ausländer im Verdacht und vier junge Nazis, die in der Nähe des Tatorts gefasst wurden, hatten wohl ein Alibi. Bis heute ist der Fall ungeklärt. Viele LübeckerInnen empfinden dies als eine offene Wunde in ihrer Stadtgeschichte. Sie kämpfen gegen das Vergessen an. Zum 30 jährigem Wiederkehr der Tat gibt es verschiedene Aktionen in der Stadt und auch das Theater Lübeck hat ein Stück zum Thema im Programm,
- "I'am a Stranger, killing an Arab" lautete ein von mir geliebter Song der Band The Cure aus dem Jahr 1979. Damals war mir nicht bewusst, dass sich der Text auf den Roman Der Fremde von Albert Camus bezog. Gerade sah ich den gleichnamigen Film vom Regisseur François Ozon. So schließen sich manchmal die Kreise. Der Film ist in schwarz/weiß gedreht und spielt in Algerien zu der Zeit als die Franzosen es besetzt hielten, um 1930. Damals schien die Kolonialwelt noch in Ordnung. Die Weißen gehen ihrer Arbeit nach und die Araber sind bestenfalls Statisten. Anders als im Buch sind aber Anzeichen des zukünftigen Aufstands gegen die Besatzer zu sehen. An einer Hauswand steht "Algerie Front de la liberté" geschrieben. Die Hauptperson lebt als junger weißer Angestellter in Algier. Er zeichnet sich durch extreme Emotionslosigkeit aus. Worin diese begründet ist wird im Buch nicht erklärt. Sein Leben ist stark fremdbestimmt und so stolpert er auch durchs Leben. Er erschießt jemand und endet zum Schluss am Galgen. Das geschieht nicht unbedingt wegen seiner Tat, das Opfer war ja nur ein Araber, sondern weil er sich weigert auf milderen Umstände zu plädieren. Mir gefiel der Film trotz der düsteren Geschichte gut.
- Der Film Ein einfacher Unfall des iranischen Regisseurs Jafar Panahi beginnt mit der zufälligen Begegnung eines Folteropfers mit seinem Peiniger. Er erkennt ihn am Geräusch, das seine Beinprothese verursacht. Nachdem er diesen entführt hat, versucht er ihn lebendig zu begraben. Doch es kommen ihm Zweifel, auch weil er im Gefängnis seine Folterer nie zu Gesicht bekam. Er und die anderen Gefangenen waren stets die Augen verbunden, So beschließt er andere Ehemalige zu besuchen, um Klarheit über die Identität des Mannes zu erlangen. Irgendwann sind fünf Opfer im Kleinbus, streiten darüber, ob sie den Richtigen erwischt haben und wie sie ihn am Besten töten. Zum Schluss lassen sie ihn dann jedoch frei. Ob die Geschichte eine Parabel über die Zerstrittenheit der iranischen Opposition oder ein Diskurs darüber, wie mit den Verbrechern nach dem Sieg umgegangen werden soll, erschloss sich mir nicht. Ich habe Zweifel, ob mir der Film gefiel, teilweise war er ein wenig kitschig, auf alle Fälle fand ich ihn zu lang.
- Egal ob sie den Film The Clock im Museum sahen oder nicht. Der Macher dieses Werks Christian Marclay begeisterte mich bei der Biennale in Venedig und gerade in der Neuen Nationalgalerie Berlin.