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Chorgesang und Gomorra

06.06.2015

Nachmittags besuchten wir das Chorfest in der Crellestrasse. Auf fünf Bühnen traten im Wechsel Chöre auf.
„Da wo man fröhlich singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ sagt der etwas intellektuell unterbelichtete Volksmund. Spätestens seit "SA marschiert..." ist zu erkennen, dass Gesang nicht per se für Frohsinn steht.

Foto: © Irmeli Rother
Trotzdem, wenn fröhliche Menschen singen, ist es meist nett. In der Crellestraße war die Stimmung sehr harmonisch und spätestens als der Kiezchor unter Leitung von Frank Wismar neben I. und mir ein finnisches Volkslied intonierte, hatte das Fest das Herz meiner Liebsten gewonnen.

Abends wurde das Programm härter. In der Volksbühne wurden "Die 120 Tage von Sodom" gegeben.
1785 hatte Marquis de Sade die literarische Vorlage geschrieben. In dieser Zeit, in der die Herrschenden das bevorstehende Ende ihrer Gewaltherrschaft und die herannahende Revolution spüren, wollen sie noch einmal ihre Macht maximal auskosten. Vier vermögende Herren ziehen sich mit SklavInnen in ein Schloss zurück und je nach Neigung gestalten sie in dreißig Tagen Vergewaltigung, Orgien, Missbrauch und Mord in einem festgelegten Ritual.
Pier Paolo Pasolini griff in seinem Film "Die 120 Tage von Sodom" von 1975 diese Idee auf, verlegte Ort und Zeitpunkt in den untergehenden italienisch / deutschen Faschismus. Bevor die alliierten Truppen den Norden Italiens befreien konnten, bestand dort in der Republik von Salo eine ähnliche Situation wie im vorrevolutionären Frankreich, eine Situation in der die noch herrschenden italienischen Faschisten im Angesicht ihrer Niederlage die moralischen Hemmungen vollständig verloren. Sie genießen ein ähnlich der Erzählung von de Sade gestaltetes Horrorregime.

 In der Theater Fassung von Johann Kresnik wird die Handlung ins Heute verlegt.
Das Ende des Kapitalismus und des "Konsumfaschismus" ist nah und vier Mächtige wollen vorher noch mal ordentlich die Sau rauslassen. Das tun sie in Anlehnung an die Vorlagen gewalttätig.
Für Menschen mit schwachen Nerven ist das nichts.
Spätestens wenn einer Schwangeren bei lebendigem Leib das Baby heraus geschnitten und auf einen Grill gelegt wird, mag man / frau nicht mehr gerne hinschauen.
Doch das Bühnenbild von Gottfried Helnwein ist genial und die SchauspielerInnen transportieren das Anliegen des Stückes gut zu den ZuschauerInnen.
Ganz besonders gefiel mir der Choreograph Ismael Ivo, der auch Mitspieler dabei war und am Anfang  als schwarz geschminkter Schwarzer auftrat. Ein schöne Parodie auf das rassistische blackfacing von weißen SchauspielerInnen.

Für mich war allerdings Kresniks Definition des aktuellen Kapitalismus als Konsumfaschismus fragwürdig. Ich möchte das widerwärtige politisch / ökonomische herrschende System nicht schönreden, aber Faschismus ist eine politisch definierte Ideologie und sollte nicht als Schimpfwort missbraucht werden. Ich erlebte diesen oberflächlichen Gebrauch des Wortes zuletzt von den Genossen der RAF.

Mitwirkende: Roland Renner (Blangis (Abgeordneter)), Helmut Zhuber (Durcet (Richter)), Enrico Spohn (Curval (Bankier)), Hannes Fischer (Bischof), Ismael Ivo (George (amerikanischer Offizier)), Inka Löwendorf (Hure 1), Ilse Ritter (Rabe/ Hure 2), Sarah Behrendt (Sängerin), Juan Corres Benito (Opfer/ Tanz), Andrew Pan (Opfer/ Tanz), Valentina Schisa (Opfer/ Tanz), Sylvana Seddig (Opfer/ Tanz), Sara Simeoni (Opfer/ Tanz), Osvaldo Ventriglia (Opfer/ Tanz), Elisabetta Violante (Opfer/ Tanz), Yoshiko Waki (Opfer/ Tanz), Günter Cornett (Schergen), Helmut Gerlach (Schergen), Wagner Peixoto Cordeiro (Schergen), Arnd Raeder (Schergen), Christian Schlemmer (Schergen), Leandro Tamos (Schergen), Katia Fellin (Mädchen), Paula Knüpling (Mädchen), Ruby Mai Obermann (Mädchen), Estefania Rodriguez (Mädchen), Nathalie Seiß (Mädchen), Marlon Weber (Mädchen), David Eger (Breakdance), Lukas Steltner (Breakdance) und Lucia Itxaso Kühlmorgen Unzalu (Kind)

Kritik der anderen: Nachtkritik, Berliner ZeitungDeutschland Radio Kultur, Tagesspiegel

Schauen und Hören

30.05.2015

Am Nachmittag schauten wir nicht ganz zufällig ein Ausstellung einer finnischen Collagistin. Ulla Jokisalo verändert Fotos durch Hinzufügungen.
Ihre Arbeiten verzauberten uns durch hintergründigen Humor und durch Brechung der Realität.
Sie ist eine Künstlerin aus der Talentschmiede Helsinki School.
Der Gallery Taik Persons gelang mit der Ausstellung ein großer Wurf.
Die Galerie zeigt regelmäßig KünstlerInnen aus Finnland. Ein Besuch lohnt sich.

Es folgte ein Besuch der Kneipe Schmitz Katze aus Anlass der Kreuzberger Langen Buchnacht.


Es lasen drei von zehn Autorinnen aus der Anthologie: "BerlinCrime, dunkle Berlingeschichten". Alexandra Lüthen, Albertine Lukilian und Beate Kemer (v.l. nach r.) trugen Auszüge aus ihren Texten vor. Wir fanden die Geschichten etwas flach, außerdem stank es in der Katze nach kaltem Rauch, so machten wir uns bald davon. Nicht ohne die Fotos der von Aleksandra Koneva gefertigten Objekte zu beachten. Sie sind auf intelligenter Weise witzig.

Flying Shoes, 2014

Dann speisten wir im allseits hochgelobten französischen Bistro Chez Michel in der Adalbertstraße.
Die Einrichtung ist angenehm spartanisch und die Preise waren gut ertragbar.
Es war sehr früh am Abend und so war das Lokal noch nicht so gut gefüllt wie auf dem Bild.
Es waren jedoch alle Tische für später reserviert.

Alle Fotos Irmeli other

Balkanien geht in die Beine

09.05.2015

Leider ist das Leben oft ungerecht. Das knuffige Balkan Orchestra Hai La Hora spielte im Brauhaus Südstern vor sehr wenig Publikum.
Die Band war eine kleine Entdeckung für uns.
Die Sängerin beherrschte die Technik des bulgarischen Kehlgesangs gut  und die Band (Tuba, 2 x Trompete, Querflöte, Saxophon, Schlagzeug) spielten eingängigen Grooves dazu.
Für das "normale" Publikum im Brauhaus war die Musik jedoch wohl zu anspruchsvoll.
Nicht nur um der Band ein wenig Unterstützung zu geben, auch weil die Musik in die Beine ging, fassten W. und ich uns ein Herz und tanzten uns die Füße heiß.
Wir blieben die Einzigsten, bekamen aber nach dem Konzert Zuspruch von den sympathischen MusikerInnen.
Ich wünsche ihnen zukünfitigt richtig viele ZuhörerInnen.